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MORIA LAND

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Die Sonne geht auf über Lesbos und wirft ihre rosé-champagnerfarbenen Strahlen auf das azurblaue Meer. Die Olivenbäume im Djungle um das Lager stehen als stille Zeugen im Müll, in wenigen Stunden werden wieder junge, ambitionierte Volunteers aus ihren Zelten kriechen, Kippchen und Kaffee, bisschen zur neuen Summer of Love - Compilation mit Hits aus dem Jahr 2023 mitsäuseln, und dann damit beginnen, den Müll aus dem Schlamm aufzupicken oder eine Yogastunde für Refugees vorzubereiten oder einen Strumpf um einen Olivenbaum zu häkeln. Armani dreht den Schlüssel ihres alten verrosteten SUVs herum und rast vom Norden der Insel über die Serpentinen durch karge Berglandschaften gen Süden. Sie stoppt ihr Auto mit quietschenden Reifen am höchsten Punkt und blickt auf die Gemeinde Mytilini. Ein riesiges Handtuch aus Zelten erstreckt sich von den Hängen ins Tal hinein und lappt an den Seiten in die Olivenhaine aus. MORIA LAND. Die Hafenstadt Mytilini ist in den letzten Jahren bis an den Eingang des Lagers herangewachsen. 2030 wurde ein imposantes Leuchtschild montiert, rot-grüne Lettern weisen blinkend willigen Volunteers tagein, tagaus den Weg. Daneben die offenen Mäuler, der die halbe Insel untertunnelnden Parkhäuser, Blockbusterhotels mit 50 Etagen und kleine Hippiesiedlungen mit Hängematten und Banana Pancake all day long mit W-Lan.

Um das riesige Flüchtlingslager, das nie ein offizielles Lager war - ein Hotspot, der Menschen und Organisationen mit Herz, Geschäftsmodelle aller erdenklichen Art anzieht wie kein zweiter - ist ein Eldorado gewachsen; hier darf jeder kommen und tun, was sie oder er will. „Wenn sich diese ganzen Organisationen mit ihren Volunteers wenigstens fünfzig Prozent um die Interessen und Bedürfnisse der Geflüchteten kümmern würden… wir erwarten nicht hundert Prozent, aber auch nicht null.“ hatte Armanis Vater, Mitglied der 2020 gegründeten Gruppe Moria Corona Awareness Team, damals in einem Interview gesagt. Das war vor der Naturalisation aller Geflüchteten zu griechischen StaatsbürgerInnen. Armani schlief damals mit ihrer und drei weiteren afghanischen Familien in einem im Dreck versinkenden Zelt und posierte mit Kulleraugen für Werbekampagnen der Caritas, woraufhin 40.000 Rollen Klopapier im Wert von 1,4 Millionen Euro geschickt wurden.

"Wohin gehen all die Spendengelder? Den Müll können wir selbst aufräumen, wenn wir das Geld bekommen, die Geräte und Hilfsmittel dafür zu beschaffen."

„Wenn sie schon alle Kapital aus dem Elend machen und somit das Elend weiter verwalten, basierend auf der Existenz der Geflüchteten –sonst gäbe es diese Einkommensquelle nämlich nicht – dann sollten sie zumindest versuchen an den Punkten mitzuhelfen, an denen Hilfe benötigt wird. Wohin gehen all die Spendengelder? Den Müll können wir selbst aufräumen, wenn wir das Geld bekommen, die Geräte und Hilfsmittel dafür zu beschaffen. Sie sollten uns das Leben vor allem nicht noch schwerer machen: Wir hatten ein Krankenhaus hier in Moria, es war superklein und die Leute mussten stundenlang - wie überall hier - in der Schlange warten, aber zumindest gab es das und es hat funktioniert. Dann kam eine Organisation und hat eine Aufnahmestation außerhalb des Camps gebaut, ohne Genehmigung. Nun müssen die Leute zuerst dorthin gehen, teilweise über 24 Stunden in der Schlange warten, um sich dann für eine Behandlung in dem Krankenhaus, das wir zuvor schon hatten, zu registrieren.“ Nachdem Freiwillige und NGOs im Zusammenhang mit der Corona-Krise vor 18 Jahren fluchtartig die Insel verlassen hatten, hatte sich Armanis Vater mit anderen Geflüchteten im Lager selbst organisiert, da ihnen klar geworden war, dass Moria für die politischen Entscheidungsträger*innen Europas keine Rolle mehr spielte.

„20.000 Menschen leben ohne jede Sicherheit, ohne genügend Wasser und Strom, mit kaum Toiletten. Jeder Zuständige zwischen hier und Brüssel weiß davon. Man könnte das innerhalb einer Woche ändern, wenn man wollte, weil das kein humanitäres Problem, keine Folge einer Naturkatastrophe ist, sondern ein krimineller politischer Skandal in den von der EU-Spitze über die UN unzählige Akteure verwickelt sind, die das zulassen. Während die Geflüchteten vor Angst in ihren Zelten nicht schlafen können, diskutiert man derweil in Volunteer Groups, ob es nicht eine Idee wäre, kompostierbares Klopapier zu schicken“, schrieb Thomas von der Osten Sacken im Mai 2020 in einem Facebook-Post.

Armani rast mit dem Auto in die Serpentinen, eine Arbeitskollegin hat ihr Depeche Mode schmackhaft gemacht und Personal Jesus weht laut aus ihren heruntergekurbelten Fenstern. Ihre langen dunklen Haare, im 00er-Jahre-Revival platinblond gesträhnt flattern im Wind. Bald schon werden vor den Hotels die vollklimatisierten Reisebusse ihre sanft schnurrenden Motoren anwerfen und eine Hälfte der Touristen, die von den Fähren und aus den Frühstücksräumen drängen, zu Ruinen aus der alten Welt, zu süßen Häfen und Stränden fahren, und dahin, wo Olivenöl produziert wird. Die andere Hälfte wird nach MORIA LAND gebracht, wo sie als Volunteers 25 Euro pro Tag Eintritt zahlen, um Refugees zu helfen. Armani fährt an den Busparkplätzen vorbei in die endlos lange Tiefgarage auf ihren refugee-Parkplatz. Sie wirft sich die Sporttasche mit ihrer Arbeitskleidung über die Schulter und nimmt den Mitarbeitereingang. In der Umkleide trifft sie Europa, sie ist gerade fertig mit ihrer Schicht, Armani wird sie ablösen. Armani hat keinen Akku und kann deshalb ihre Dispo für den heutigen Tag nicht einsehen. Europa drückt ihr eine kleine Marke in die Hand: „Du musst in die Essensschlange, Warteplatz 450, auf der Höhe von dem riesigen Müllberg, wo die Volunteers mit den rosa Westen Flaschen aufpicken.“

„Irgendwas speziell heute?“ fragt Armani. „Ja, abends wollen ein paar Volunteers Lagerfeuer machen, da musst du vielleicht bisschen mitschrammeln und Lieder singen. Und du musst ein paar niedliche Kinder suchen für den Klopapierspendenaufruf.“

„Okay. Gibt’s dafür extra Asche?“ Armani streift sich ihr Kleid über den Kopf und zieht sich eine frisch gewaschene, mit Schlammprint bedruckte Hose an.„Glaub schon. Wenn es nicht zu spät wird, komm nach der Arbeit noch vorbei, wir legen heute im Holy Island auf.“ - „Wenn ich dann nicht zu sehr nach Feuer stinke…“ ruft sie Europa hinterher. - „Ich küss dein Gesicht so oder so.“ Europa steigt in ihren Polo und fährt weg, 20er-Jahre Techno dröhnt durch die kühlen Betonhallen. Armani zeigt an der Pforte ihren Mitarbeiterausweis und dann steht sie im Lager. Hochmotiviert stapfen ihr einige deutsche und holländische Volunteers entgegen und grüßen sie strahlend: „Salam!“ 

"Wo müsst ihr als nächstes hin?" - "Wasserausgabe, drei Stunden warten, dann in die Schlange fürs Medical Center… dann hoffentlich Feierabend." 

Armani nickt ihnen zu und sucht dann ihren Platz in der Schlange der Refugees zur Essensausgabe. Die Jungs, die vor ihr anstehen, tragen so wie sie einen kleinen rosa Punkt am Kragen - sie sind in dieselbe Schicht eingeteilt. „Wie lange wartet ihr schon?“ fragt Armani. „Zwei Stunden so….“ - „Wo müsst ihr als nächstes hin?“ - „Wasserausgabe, drei Stunden warten, dann in die Schlange fürs Medical Center… dann hoffentlich Feierabend.“ Armani gähnt und blinzelt in die Sonne, ein paar Volunteers in ihrem Alter kommen mit Meerwasser nassen Haaren gerannt und rufen: „We are making a dance circle in twenty minutes!“ Die Refugees in der Schlange gucken rüber, „We have to wait for the food… now, and then for the water…“ aber das hören die Volunteers schon nicht mehr, sie springen durch den Schlamm der Sonne entgegen.

Ein junger Mann mit Emmentaler Käse-Tattoo auf dem Oberarm löst sich aus der Gruppe der Volunteers und kommt rüber zu ihnen: „Is it possible to camp in a tent next to yours tonight? I would like to make that experience….“ - „We don’t sleep here anymore…. it’s been a while…“ sagt Armani. „Oooooh, okay.“ sagt der Volunteer und steuert etwas wackelig in die Richtung davon, in die seine Kollegen verschwunden sind. 

Am Rande des Weges sitzt ein Verkäufer auf einer Decke. Vor sich hat er Muschelketten und LED-Boomerangs ausgebreitet. Er wirft zur Demonstration eine rote slimey Gelee-Tomate auf den Boden. Mit einem leisen Schnalzen landet die Tomate als platte Pfütze auf dem Stein. „Tomato Salad“ sagt der Verkäufer ins Leere. Dann zieht er sie wieder vom Boden ab, die Tomate zieht sich zu einer staubbeklebten Kugel zusammen. Er wirft sie erneut auf den Boden. Ein weiterer langer Tag im Lager, doch die Bezahlung ist ok.

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