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WIE KÖNNEN WIR ZEITGENÖSSISCHE FEMINISTISCHE, QUEERE UND ÄSTHETISCHE DEBATTEN HISTORISCH VERORTEN? UND WIE SITUIERT MAN DIESE IN EINEM MUSEALEN UMFELD?

Über “Cosmos Ottinger” an der Kunsthalle Baden-Baden.

Diese Fragen aus dem Begleitheft der Ausstellung situieren das Werk der Künstlerin und Filmemacherin Ulrike Ottinger in einem weiteren Kontext institutioneller und gesellschaftlicher Diskurse und verweisen damit auf die ästhetische und gesellschaftspolitische
Pioniersarbeit Ottingers, die sie seit den 1960er Jahren durch ihre transdisziplinären Arbeiten leistet. Anlässlich der Verleihung des Hans-Thoma-Preises an die in Konstanz geborene Künstlerin findet in der Kunsthalle Baden-Baden diese außergewöhnliche Retrospektive statt. Ulrike Ottinger nimmt in einer von ihren vielen Führungen an diesem Eröffnungswochenende zu diesen Fragen Stellung: Selten sprechen Künstler*innen so ausführlich und genau über die eigenen Arbeiten wie Ulrike Ottinger dies macht. Ihre Arbeiten sind thematisch komplex und haben mit ihrem eigenwilligen visuellen Vokabular die politische und gesellschaftliche Brisanz seit den 1960er-Jahre nicht verloren. Die Themen, die im “Cosmos Ottinger” immer wiederkehren sind Post-Kolonialismus, Faschismus, Identität, Othering und Queerness.

Die Dringlichkeit der Künstlerin, den Cosmos zu vermitteln, wird spürbar in ihren Worten und in dem thematisch choreographierten Rundgang durch die Räume der Ausstellung. Das Gastmahl der Verfolgten, eine für die Ausstellung entstandene Rauminstallation, bildet den Auftakt und damit auch das Thema des ersten Kapitels: Verfolgung, Krieg, Macht. Die Installation ist angelehnt an eine Szene aus dem Film Freak Orlando, der ausschnitthaft in der Ausstellung zu sehen ist. Die erste Station der Führung ist eine schwarze Tafel am Ende des Raums. An mehreren Fäden hängt Schulkreide. Ulrike Ottinger fordert dazu auf, die Namen politisch Verfolgter an die Tafel zu schreiben. Es stehen bereits zwei Namen darauf: der des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny, und der von Osman Kavala, einem türkischen Menschenrechtsaktivisten. Ottinger schreibt die Namen historischer Figuren mit ähnlichen Schicksalen von Zensur, Verfolgung und Exil auf die Tafel: Carl Einstein, Walter Mehring, Tristan Tzara.

Den Personen, welche die Tafel füllen (werden), ist die Verfolgung und Verurteilung aufgrund ihrer Herkunft, ihres künstlerischen Ausdrucks oder der öffentlich gemachten Kritik an der jeweiligen Regierung ihres Landes gemein. Ich hätte den Namen der 34-jährigen
Nûdem Durak hinzufügen sollen, eine bis heute inhaftierte kurdische Sängerin, die aufgrund des Singens und der Weitergabe von kurdischen Volksliedern 2016 zu 19 Jahre Haft verurteilt wurde. Auf einfache wie nahbare Weise bringt Ottinger so ins Bewusstsein, dass wir alle gegenwärtig Anwesenden um Personen wissen, seien es historische Persönlichkeiten oder politische Aktivist*innen unserer Zeit, die aufgrund von staatlicher Unterdrückung verfolgt und zum Schweigen gebracht wurden und immer noch werden. Ottinger verleiht ihnen eine lebendige Präsenz, durchs Portraits auf Stoffcollagen an den Wänden und die sich für die Dauer der Ausstellung verlängernde Liste auf der schwarzen Tafel im Hauptraum der Kunsthalle.

Marginalisierte, Benachteilige und Personen die nicht der heteronormativ geprägten Gesellschaft entsprechen, ziehen sich durch die Werke aller Medien von Ulrike Ottinger. „Freak City“ steht in Leuchtbuchstaben über dem Eingang in einen Raum. „Freak“ ist der Begriff, durch den Ottinger die Gesellschaft seziert und Zuschreibungen umkehrt. Freaks sind dann im “Cosmos Ottinger” Zwitterwesen, Menschen mit Behinderung, kleinwüchsige Menschen und Transpersonen – fremd-kategorisierte Personen, aber eigentlich jene, die sich eben oft einer Kategorie entziehen wollen. Sie bevölkern die Filme, die Fotografien und die Installationen und entwerfen eigene Gesellschaftsformen und Utopien, fast, als gebe ihnen Ottinger durch ihre Werke einen Lebensraum. Die Fiktion im Film hat ihre ganz eigenen Gesetze und bringt das Urmenschliche, Ängste, Lüste und das Unbewusste hervor. Einige Fotografien nehmen Anleihe an den Darstellungen von Goyas Desastres de la Guerra. Reinszeniert in einem Industriegelände wechseln sie zwischen der Darstellung von Folter und Hingabe, sie offenbaren den Blick der Betrachter*in und ihre Lust am Spektakel.

Zunächst befremdlich ist der Vorraum für den Kinosaal von Colonial Opera. In Brauntönen gehalten erinnert dieser an einen kitschig historisierenden Raum, der von den Feldzügen der Kolonialisierenden erzählt. Im Inneren wird ein Ausschnitt aus dem Film Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse gezeigt, in dem von der Eroberung, Ausbeutung und Missionierung der Insel der Glückseligen durch eine spanischen Herrscher gesungen wird. Die Ausstellung zeigt tatsächlich den Kosmos der Künstlerin und ihres Schaffens, wenngleich man die vermeintliche Geschlossenheit des Begriffs Kosmos eher auf die Bildsprache Ottingers und die Werkzyklen beziehen kann. Die Themen, auf die sich die Werke, Bilder und Filme beziehen, sind auch heute noch immer präsent und werden täglich besprochen, diskutiert und berichtet.

Im Treppenaufgang zu den Ausstellungsräumen läuft man auf eine Stoffcollage zu, der eine totemhafte Kriegerfigur zeigt, gespickt mit einem Kopfschmuck aus Schwertklingen. Die Figur hält Raketen in ihren vier Hände. Es ist ein Bild des Wahnsinns von Macht und Krieg. Es zeigt gleichzeitig die Sinnlosigkeit, der sich scheinbar immer wieder wiederholenden Geschichte – und verdeutlicht dadurch auf erschreckende Weise seine gegenwärtige Aktualität, weit über den Ausstellungsraum hinaus.

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